Geschichte und ihre Didaktik von Joachim Rohlfes

rohlfes

„Die Historie ist eine bewußtseinsbestimmende Disziplin.“

Beim Schreiben dieses Satz aus dem Buch von Joachim Rohlfes fallen mir sofort zwei Dinge auf. Erstens erkennt die Rechtschreibprüfung das Wort bewußtseinsbestimmend nicht und zweitens würde ich fragen, ob und wenn wo Geschichte heute noch das Bewußtsein bestimmt?

Aber natürlich hört ein Buch von über 500 Seiten voller guter Texte und Gedanken bei diesem Satz nicht auf. Daher möchte ich noch ein paar Gedanken anhängen:

„Mit dem Wissen, das sie hervorbringt und weitergibt, kann man weder die künftige Geschichte steuern noch die aktuelle Politik gestalten, weder verbindliche Lebensregeln gewinnen noch aus der Herkunft der Dinge ihren Fortgang prognostizieren…. Ihre Wirksamkeit besteht vornehmlich in dem Vermögen, auf das Bewußtsein der Leute einzuwirken, ihren Vorstellungen und Gedanken Dimensionen zu erschließen, die in der bloß gegenwärtigen Erfahrung nicht zu finden sind.“

Wunderbar klare Sätze, die an Deutlichkeit nicht zu überbieten sind. Es kommt also darauf an als Historiker Wissen hervorzubringen und weiterzugeben. Dies kann in der Schule geschehen oder außerhalb durch Bücher, Filme, Fotos, Orte mit Erklärungen, auf Reisen, bei Seminaren etc., übrigens auch bei Anpassungsmaßnahmen von Flüchtlingen zur Integration.

Aber ob dies im heutigen Unibetrieb überhaupt noch funktionieren kann, ist für mich mehr als fraglich.

Als ich vor ein paar Jahren meine Promotion in Geschichte an der Uni Wuppertal schreiben wollte zum Thema Wirtschaftsgeschichte bis 2010 im Bergischen Land mit dem Schwerpunkt Remscheid und Solingen, weil ich die Aufarbeitung mit meinem Wissen, das nirgendwo sonst dokumentiert ist, wesentlich realitätsnaher gestalten wollte, da war dies nicht möglich. Natürlich wollte ich auch eine Förderung, aber ich war über 35 und so erklärte man mir, damit wäre eine Förderung sowieso nicht mehr möglich.

Aber es kam noch dicker und das führt direkt zurück zum Thema. Der erste Professor wußte nicht. ob er an der Uni bleiben kann, der zweite Professor ging zurück nach Berlin, die dritte Professorin wußte nicht, ob sie überhaupt einen längeren Vertrag bekommt und die vierte Professorin sagte klar, daß sie dorthin gehen würde, wo sie einen unbefristeten Vertrag erhält.

Und es wäre viel interessanter wenn ich ein Thema mit Genderbezug wählen würde. Ich hatte danach keine Lust mehr und frage mich bis heute, welchen Nutzen Geschichtswissenschaft mit solchen universitären Strukturen überhaupt noch haben kann.

Rohlfes hat mich über Professor de Buhr während meines damaligen Studiums mein ganzes Unileben geprägt und ich entdecke heute, daß die Einsichten aus dem Buch für mich weiter relevant sind.

Allerdings wurden damals fertige Lehrer nicht eingestellt, so daß ich nach meinem 1. Staatsexamen Sek II+I (= Universitätsabschluß) an eine private Wirtschaftsschule ging und viele Lehrer, die das 2. Examen machten, hinterher umschulte zu Kaufleuten(!).

Das entwickelte sich dann weiter und im Mittelpunkt standen später Integrationskurse mit Wissen zum politischen System, der Geschichte und der Wirtschaft und Deutschkursen bei Spätaussiedlern und Flüchtlingen. So brachte ich ausschließlich Erwachsenen das bei, was eigentlich in der Schule gelehrt werden sollte und konnte Erfahrungen machen, die selbst Rohlfes nicht kannte. Aber sie bestätigten ihn, wenn auch auf andere Weise und führten viele Jahre später zu neuer Geschichtsschreibung von mir, die bei ihm ansetzte:

Damals probierte ich den Weg vom Text zum Bild. Also nicht weg vom Text sondern Fotos und dazu erklärende Texte, um besser zu dokumentieren und Geschichtsschreibung zu praktizieren.

Auch da war Joachim Rohlfes sehr hilfreich:

„Der gute Fotograf fängt auch Atmosphärisches, Physiognomisches ein, hierin dem Maler verwandt, der Zusammenhänge und Sinnbezüge aufdeckt, die ihre „innere Wahrheit“ in sich tragen.

Dies bedeutet aber gleichzeitig, daß auch die vermeintlich so sachlich-neutrale subjektive Züge trägt, daß ihre Einstellungen (im wörtlichen und übertragenen Sinn) und Absichten im Spiel sind, die die Möglichkeit von Verfälschung und Manipulation einschließen.

Fotos sind stets Ausschnitte aus einem größeren Ganzen und zwar in räumlicher und zeitlicher Hinsicht: Sie zeigen die Menschen und die Dinge immer nur von einer Seite und sie sind Momentaufnahmen, deren Vorher und Nachher im Dunkeln bleibt.

Außerdem werden Fotos nachträglich oft bearbeitet und verändert.

Mit Fotos hat man darum nicht weniger kritisch umzugehen als mit anderen Quellen. Das Hauptproblem steckt aber nicht in der einzelnen Aufnahme als solcher. Zwar muß man auch ier vor Fälschungen auf de Hut sein und die Perspektivität jeder Aufnahme im Blick haben – was ber nichts daran ändert, daß die Wirklichkeitsnähe einer Fotografie prinzipiell von keiner anderen Quellengattung übertroffen wird.

Die Gretchenfrage ist vielmehr wie typisch oder untypisch die Aufnahme für das ist, was sie zu dokumentieren vorgibt. (336)“

So habe ich in meinem Leben und mit dem, was ich selbst erleben konnte, versucht Geschichtsschreibung als Bewußtseinsbildung zu nutzen – wenn es wahrgenommen, gelesen und umgesetzt wird!

Aber soll geschichtliches Wissen überhaupt unter die Leute kommen?

Aktuell ist das Ende der Geschichte und die Geschichtslosigkeit ja ein großes Thema.

Es geht dabei auch immer um Wahrheit und Macht, wobei vieles von damals für heute mißbraucht wird, weil gut und schlecht unter verschiedenen sozialen und politischen Bedingungen eben unterschiedlich sind und auch differenziert bewertet werden müssen.

Auffallend ist die Geschichtslosigkeit bei den Politikern. Geschichte dient der Horizonterweiterung und ist daher eher ein Stück Kit, das Gesellschaft durch Werte und Wissen zusammenhält.

Als ich studierte gab es Geschichte von oben und Geschichte von unten. Es war klar, daß Geschichtsschreibung interessenabhängig ist.

Aber wie stark dies ist, war selbst mir nicht klar bis ich ein wunderbares Buch zum Thema Nationalsozialismus und BRD in Händen hielt.

Es mündet letztlich bei Historikern wie Golo Mann, der den Niedergang Europas und die möglichen Lehren, um ihn zu verhindern, in Worte faßte, die aktueller nicht sein könnten.

Aber auf ihn wurde auch nicht gehört. Insofern bin ich in guter Gesellschaft.

Die Möglichkeiten, das Bewußtsein zu bilden sind also da.

Doch zurück zum Buch!

Das Buch selbst ist beim Verlag nicht mehr erhältlich, ein Teil davon aber online einsehbar.

Und damit ist dieses wunderbare Wissen zur Geschichte und ihrer Didaktik auch weiterhin nutzbar.

Vielleicht hilft es, hinter den Horizont zu blicken …

 

 

 

 

 

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