Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat, hrsg. von Joseph Walk

Es ist ein wahrer Glücksfall, daß der C.F.Müller Verlag eines der wichtigsten Bücher über die Nazizeit uns wieder zugänglich machte, zumal es auch antiquarisch kaum erhältlich war.

Das Buch ist eines der wichtigsten Bücher über diese Zeit, weil es sich nicht in der Theorie aufhält sondern genau das sammelt, was damals beschlossen, verkündet und umgesetzt wurde.

„Es wird Nationalsozialisten verboten, Lokale zu betreten, in denen Juden verkehren. Das bezieht sich nur auf Cafes und Restaurants, dagegen nicht auf Hotels.“ So fing es am 30.6.33 an.

„Beamte, Angestellte und Arbeiter haben ihre und ihres Ehepartners arische Abstammung sowie ihrer politische Zuverlässigkeit nachzuweisen, wurde am 20.8.34 beschlossen.

Die Handwerkskammer schrieb am 1.11.34: „Wir betrachten es als selbstverständlich, daß das Handwerk Juden als Lehrlinge nicht einstellt.“

Aber auch das historische Gedächtnis wurde per Gesetz gelöscht am 27.4.35: „An die für Deutschland im Weltkrieg gefallenen Juden darf nicht mehr erinnert werden.“

„Jeder Jude – und auch der nichtjüdische Ehegatte eines Juden – hat sein gesamtes in- und ausländisches Vermögen anzumelden und zu bewerten; ausgenommen sind Gegenstände zum persönlichen Gebrauch des Anmeldepflichtigen und Hausrat, der kein Luxusgegenstand ist.“

Das war am 26.4.38.

Besonders bemerkenswert ist eine Verordnung von 1939 über den Arbeitseinsatz von Juden:

„Bei der ärztlichen Untersuchung der körperlichen Eignung von Juden für den Arbeitseinsatz ist in einigen Bezirken anscheinend ein zu strenger Maßstab angelegt worden (sein Ergebnis: erheblicher Prozentsatz körperlich ungeeigneter Juden). Die Juden sind deshalb auf ihre Einsatzfähigkeit für körperliche Arbeiten erneut zu überprüfen.“

Wenn man den Blick nicht senkt, dann sieht man die Schatten von damals im Handeln von heute.

Zurück zum Alltag der entrechteten Juden:

„Anordnungen hinsichtlich des Arbeitslohnes der Juden. Sie erhalten keinerlei Vergünstigungen wie die deutschen Arbeiter, z.B. Lohnzahlungen für feiertage, Lohnzuschlag für Arbeit an Feiertagen …Sterbegelder, Weihnachtsgratifikation.“ Das war am 3.6.40

„Juden sollen in Zukunft keine Zusatzscheine für Seife und keine Rasierseife erhalten. (Dadurch sollen Männer durch Bärte als Juden kenntlich gemacht werden.) Dies ist vom 26.6.41

Robert M.W.Kempner führt in das Buch ein: „Gerade dieses Buch zeigt in hervorragender Weise und erstmalig durch Aufzählung und Charakterisierung von Hunderten von antijüdischen Gesetzen, Verordnungen, Erlassen etc., daß das Dritte Reich kein Doppelstaat war… Die Bedeutung dieser Vorschriften ist um so schwerwiegender, als ihre Auswirkungen weder vor Gerichten, noch in sonstiger Weise mit Rechtsmitteln angefochten werden konnten – abgesehen von seltenen Ausnahmen.“

Und das Buch ist selbst schon ein geschichtliches Dokument.

Adalbert Rückerl war lange der Leiter der zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen. Er schreibt damals in dem Buch, daß die Mehrheit der Deutschen von den Verbrechen im Osten nichts gewußt hat.

Das ist ja spätestens seit der Wehrmachtsausstellung in ein anderes Licht gerückt worden.

Als ich 18 Jahre war, zeigte mir mein damaliger Mentor Dr. S. Middelhaufe, der von den Nazis verfolgt wurde und nach dem 2. Weltkrieg die Polizei in NRW mit aufbaute, ein Buch. Dieses Buch enthielt fast alle Vorschriften und Gesetze gegen die jüdische Bevölkerung. Er sagte zu mir, Michael, den Geist und den Charakter eines Systems kann man am besten durch seine  Vorschriften und Gesetze zeigen.

Es war das Buch über das ich gerade schreibe in der ersten Auflage, schmaler und mit einem blauen Halbleinenrücken.

Dieses Buch enthält die Gesetze, die es Menschen ermöglichten, aus anderen Menschen Untermenschen zu machen, ihnen ihre Würde zu nehmen, sie zu vernichten und sie völlig aus dem öffentlichen Leben auszuschließen.

Die Vernichtung der sozialen und der physischen Existenz in jeder Beziehung war das Ziel und das ist in diesem Buch besser dokumentiert als irgendwo sonst, weil es die Nazilogik sichtbar macht, die dem Menschen per Gesetz erlaubt mit anderen Menschen alles zu machen – ohne Konsequenzen, wenn nur die Anwendung stimmt.

Wer verstehen will, wie schnell ein Staat verändert werden kann, der sollte dieses Buch lesen. Es zeigt wie „legitimistische Bürokraten“ alles mitmachen – und das gilt bis heute.

Das Buch ist im C.F.Müller Verlag erschienen.

Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat
Eine Sammlung der gesetzlichen Maßnahmen und Richtlinien – Inhalt und Bedeutung
Joseph Walk † (Hrsg.), Daniel Cil Brecher, Robert M. W. Kempner, und weitere

ISBN 978-3-8114-3734-0

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